geboren 1969 in Schwelm
lebt und arbeitet in Berlin
Martin Assig malt fast alle seine Bilder in Wachs. Sie erinnern an die klassische Maltechnik der Enkaustik und sind zugleich von beinahe organischer, fast atmender Kraft. In dem verflüssigten Wachs steuert Assig die Zusammensetzung und Dichte des Pigments, wodurch glänzende, reliefartige Bildoberflächen entstehen. Assig stellt meist vor wolkig-rötlichem oder -weißlichem Hintergrund einzelne, fragmentarisierte Körperteile, Körperausschnitte, Kleidungsstücke oder Figuren dar, die gelegentlich von einem Netz aus Nerven- und Blutbahnen überzogen scheinen. Oft reihen sich einzelne Zeichen und Symbole symmetrisch aneinander, die eine abstrakte Ornamentik bilden – ein Bezug zur Natur und zum Leben schwingt stets in ihnen mit. So wirken die „Gehirne“ (1999) fast wie abstrakte Muster, die nackten Körper von „Haarkleid“ (1999) bestehen aus skizzenhaften Umrissen, die beinahe wie Narben auf einer fleischfarbenen Fläche sitzen. Die Umrisse der Figur in „Junger Mann mit Hose“ (2000) sind gänzlich von geometrischen Dreiecksmustern durchsetzt – Muster, die Assig immer wieder auch in anderen Bildern und Skulpturen verwendet. In Bildern wie „Praxis (Gewicht)“ (1998) oder „Weißbraut“ (1996) wirken die Menschen wie Geister, ihre Konturen sind nur durch wenige Striche erkennbar. Mit ihren zarten, gespenstischen Motiven und dem reduzierten, schimmernden Farbauftrag vermitteln diese Arbeiten eine leise, symbolisch stark aufgeladene Atmosphäre, mit der Assig eine verletzliche Gegenwelt zum Konsumterror und Körperkult unseres Zeitalters entwirft.
Auch Assigs Zeichnungen vermitteln eine weiche Stimmung: Bedrucktes oder benutztes Papier dient ihm häufig als Grundlage, um darauf neue oder an das bereits Vorhandene angelehnte Strukturen aus Kohlestift zu schaffen, die – wie beispielsweise bei der Darstellung einer Backsteinmauer – figurativ und abstrakt zugleich erscheinen.
Neben dem menschlichen Körper widmet Assig einem der ältesten Themen in der Kunst besondere Aufmerksamkeit: dem Haus. Als Symbol drücken sich darin Sehnsüchte und Ängste, kurz – die wesentlichen Charakterzüge des Menschen aus: Schutz, Heimat, Geborgenheit, Kirche, Familie – aber auch Verlust, Enge, Einsiedlerei, Unterdrückung, Gewalt. Kohlezeichnungen wie die „Gebäude“ (2008) wirken wie Verbildlichungen von Assigs modellhaften Haus-Skulpturen, die sich wie seine Gemälde durch dichte malerische Oberflächen auszeichnen. Die ebenfalls mit flüssigem Wachs überzogenen Formen von Kirchen, Palästen, Lagerbauten, Landhäuschen und Wolkenkratzern vermitteln eine stumpfe, vereinfachte Ästhetik, die ihnen eine fast naive Bildsprache verleiht. Aufgesockelt auf Podesten, die in den Farbüberzug mit einbezogen sind, tauchen auf ihren Firnissen immer wieder Schriftzüge und Zeichnungen auf. Sie verleihen den Gebäuden eine konzeptionelle, oft ironisch gebrochene Ebene. So wirkt die Hausskulptur „Versteck“ (2008) – mit dem titelgebenden Wort eingelassen auf der hochgezogenen Dachkante und den ganzflächig aufgetragenen blauen Augen – fast wie ein hermetisch abgeschlossener Schrein in der simpelsten Form des westlichen Schutzraums. Das Haus als „Versteck“ und das Ornament des Auges erscheinen in ihrem metaphorischen Widerspruch von Abgeschlossenheit und Offenheit wie einander diametral entgegengesetzte Symbole. Doch ähnlich wie das Haus, das zugleich für Heimat wie für Abgründe steht, transportiert auch das Auge als Symbol Schutz, Segnung, Stärke und Gesundheit. Insofern ist Assigs „Versteck“ ein positiver Ort. Der moderne Mensch kann sich in seiner metaphysischen Obdachlosigkeit hier nur hineinwünschen.