John Kessler

 
 

geboren 1957 in Yonkers, NY, USA
lebt und arbeitet in NY, USA

Jon Kessler gestaltet raffinierte, aus kinetischen Medien- und Videoskulpturen sowie irritierend vielen Überwachungskameras bestehende räumliche Szenarien. Trotz des hohen technischen Aufwands handelt es sich um Apparaturen, die nicht wirklich funktionieren, denn es wird nur aufgenommen und auf die Monitore übertragen, was sich innerhalb der Installation befindet.

Realisiert ist gleichsam nur das Backstage, aber es gibt kein Davor, das hier sinnvoll verarbeitet werden könnte. Er führt uns den ganzen technischen Apparat vor Augen und lässt dabei jeden Voyeurismus leer laufen, weil er uns zeigt, dass es – zumindest für den voyeuristischen Blick – nichts zu sehen gibt.

Die Irritation und Verkehrung räumlicher Innen-Außen-Relationen kenn-zeichnet auch die um 1970 entstandenen Rauminstallationen von Künstlern, die sich mit dem Verhältnis von Architektur und Überwachung auseinandergesetzt haben, vor allem Bruce Nauman und Dan Graham. Man wird aufgezeichnet, sieht sich selbst von hinten oder mit zeitlicher Verzögerung an einer anderen Stelle der Installation. In ihrem Aufbau einfach erscheinende Environments entfalten komplexe Beziehungen zwischen Sehen/Nicht-sehen und Beobachtet-werden/Nicht-sichtbar-sein.

Anders als die frühen Installationen von Graham und Nauman, in denen man in mehr oder weniger geschlossenen Räumen einer Art Versuchsanordnung ausgesetzt ist, trägt man bei Jon Kessler eine imaginäre elektronische Fußfessel. Man kann frei herumlaufen, aber das Kontrollsystem weiß immer, wo man ist. Und es kann vorkommen, dass wir auf einem der Monitore überraschend ein vertrautes Gesicht entdecken, wie wenn es unvermutet im Fernsehen auftaucht. Wir wussten nur nicht, dass der erkannte Freund auch gerade die Ausstellung besucht.

Die Echtzeitübertragung stellt die Gewissheit her, dass der Bekannte tatsächlich in diesem Raum anwesend ist. Genau diesen Wirklichkeitsanschein führt Jon Kessler aber ad absurdum. Auf den Monitoren sehen wir Zeitungsfotos, Collagen, Spielzeugsoldaten, gestanzte und gebogene Bleche, an der Wand hängende Hand-puppen, die Lichtbrechungen farbiger Folien – Bilder und räumliche Arrange-ments, die keinen Wert eines Wirklichkeitseffektes besitzen.

Kesslers Installationen stehen nicht in Konkurrenz zur unmittelbaren Realität und auch nicht zu der globalen Bildmacht der Medien. Seine ratternden, kreisenden, wackelnden oder wie ein Artilleriefeuer knatternden Apparaturen können kaum ein Versuch sein, es mit der Wirkungs- und technologischen Macht der Instanzen aufzunehmen, die Bilder von Terrorismus und Krieg global verbreiten.

Während der Leerlauf der motorisierten Eisenskulpturen Jean Tinguelys den Funktionalismus des zu Ende gehenden Maschinenzeitalters spielerisch lächerlich machte, erscheinen Kesslers bühnenhafte und offensichtlich zusammengebastelte Arrangements wie groteske Karikaturen auf die globale Verbreitung stereotyper Medienbilder.

Ludwig Seyfarth