Iris Kettner

 
 

geboren 1968 in Mainz
lebt und arbeitet in Berlin

Beim Anblick von Iris Kettners Figuren zuckt man unwillkürlich zusammen: Da kauern mitten im Raum ärmliche Großstadtgestalten in dicke Altkleiderschichten gewickelt, das Gesicht verhüllt oder vermummt, den Kopf nach unten geneigt. Mal hockend, mal stehend, lehnen sie an der Wand oder an Rücken und Bäuchen des Vordermanns, als stünden sie vor einer Obdachlosentafel Schlange („Reihe“, 2006). Aus beklebten und bekleideten Holzkonstruktionen baut Iris Kettner Allegorien der Anonymität und Destruktivität von Metropolen. Die figürliche Skulptur inszeniert sie als gescheiterte Existenz, die ebenso Befremden wie Mitleid erregt. Ihre Puppen zeichnen keinerlei persönliche Merkmale aus, sie besitzen nichts, das sie als Individuen kennzeichnet – und werden damit zu Prototypen der Außenseiter unserer spätkapitalistischen, massengetriebenen Gesellschaft.

Wie selbstverständlich solche „Obdachlosen“ als vogelfreie, ungeachtete Lebewesen in unserem System verhaftet sind, wird immer wieder an den Reaktionen deutlich, die Kettners Puppen im öffentlichen Raum hervorrufen. So wurden etwa die mit comicartigen Fantasy-Masken versehenen „Superheroes“ (2005/2008) einen Monat lang auf Bänken oder an Pfeilern der Bahnsteige der U-Bahn-Linie 2 am Berliner Alexanderplatz installiert, wo sie wie phlegmatische Randexistenzen wirkten. Die Hauptprotagonisten waren zwei auf Bänken sitzende Frauen und zwei an Pfeilern gelehnte Männer. Eine Mädchen- und eine Jungenfigur fungierten als „Auswechselspieler“ für demolierte Puppen, die zwischendurch immer wieder notdürftig repariert wurden. Durch Foto- und Filmaufnahmen dokumentierte Kettner die Übergriffe: Die verdeckten Gesichter und die ärmliche Kleidung, die permanente, unbewegte Präsenz vermeintlich maskierter Obdachloser evozierten zum einen interessierte Kontaktaufnahme, zum anderen Aggressionen und Gewalt. Gefundene Gegenstände, die die Passanten bei den Figuren ließen – darunter wie Flyer, Münzen, Bonbons, Zeitungen, Flaschen und Ähnliches – wurden regelmäßig eingesammelt und sind heute Teil der Dokumentation der Arbeit. Nach Ende der Aktion waren die Puppen zum Teil vollkommen zerstört, nur zwei der Figuren ließen sich wiederherstellen.

Die unheimliche Kraft von Iris Kettners Figuren fließt auf besonders symbolische Weise in ihrem „Hund“ (2004) zusammen. Eine Kreatur, die wie eine Mischung aus Mensch und Bestie daherkommt, ist in Vierfüßlerposition am Boden mitten in der Bewegung festgehalten. Eingehüllt in Kleiderfetzen, wirkt sie von oberer Perspektive wie ein Mensch am Ende seiner Kräfte. Die Stofftiermaske, die am Kopfende in eine Kapuze eingefügt und nur aus vorderer Sicht zu sehen ist, bewirkt dagegen eine Tragikomik, die an verlorene Kinderträume und Alpträume der Gegenwart denken lässt.