Alicja Kwade

 
 

geboren 1979 in Kattowitz, Polen
lebt und arbeitet in Berlin

Licht und Zeit – der Kosmos der Berliner Künstlerin umfasst nichts Geringeres. Mit Spiegeln, Lampen, Uhren, Glas und Stein – alles häufig verwendete Motive in traditionellen Vanitas-Darstellungen – entwirft Alicja Kwade ein elegantes, melancholisches Universum aus Fotografien und Skulpturen, das auf die Vergänglichkeit verweist. Ob sie Kohlebriketts mit Blattgold beklebt oder banale Kieselsteine zu Juwelen schleift: Die Metamorphose der Dinge impliziert stets auch das Werden und Vergehen. Kwades reduzierte Ästhetik wirkt dabei ebenso morbide wie edel. Ähnlich wie in der Minimal Art spielen die Wahrnehmung von klaren Formen und Materialien eine große Rolle: „412 leere Liter bis zum Anfang“ (2008) besteht aus 555 gemahlenen Champagnerflaschen, die als Kegel auf den Boden gekippt sind – eine Hommage an den Land Art-Künstler Robert Smithson.

Kwades Bezug zur Minimal Art ist nur konsequent. Die Kunst, die in den sechziger Jahren erstmals den Körper bei der Betrachtung simpler geometrischer Formen einbezog, um deren Raumwirkung auszuloten, thematisiert stets auch das Phänomen Zeit: Beim Umwandern der abstrakten Objekte werden wir uns des eigenen Körpers bewusst. Kwades symmetrisch geformte Skulpturen funktionieren ähnlich, sind jedoch mit einer Poesie aufgeladen, die sich den inhaltsleeren Formen eines Donald Judd oder Robert Morris entgegen stellt. Die antiken Bahnhofs- oder Kaminuhren werden durch Rundum-Verspiegelung ihres ursprünglichen Angesichts beraubt und zu glänzenden Objekten abstrahiert – doch dass die Zeit unter der Oberfläche unaufhaltsam weiterläuft, ist durch das gleichmäßige Ticken des Uhrwerks unüberhörbar.

In Kwades Fotografien wohnen die Faktoren Zeit und Licht dem Medium selbst schon inne. Die Künstlerin schafft durch Mehrfachbelichtungen von Fotolampen (also Instrumente, die man für die Entwicklung von Fotos benötigt) Bilder, die an Aufnahmen von Planetenkonstellationen erinnern: Um die Kurve darzustellen, in der die Sonne durch den Zenit wandert, bildet man in der Astronomie den Mond in gleichmäßigen Intervallen ab. Kwade stellt diesen Prozess durch Markierungen auf den Boden nach, auf denen sie die Lampe weiterrückt. Dieses Verfahren lässt die Lichtreflexionen auf der Linse wie Sterne aussehen – zarte, magisch anmutende Kompositionen entstehen, die auf einem Film nicht wiederholbar sind. Kwade setzt so die Fotografie selbst – wie Roland Barthes schon 1989 in seinem Buch „Die Helle Kammer“ erörterte – in Beziehung zur Vergänglichkeit: Im Augenblick der Belichtung ist das Bild dem Tode schon anheim gegeben.