Erik van Lieshout

 
 

geboren 1968 in Deurne, Niederlande
lebt und arbeitet in Rotterdam und Köln

In seinen Videos, Gemälden und Zeichnungen reflektiert Erik van Lieshout Fragen der Identität, rückt Randgruppen ins Zentrum und spricht unbequeme Themen wie Ausgrenzung oder Migrationskonflikte direkt an. Dabei spielen Humor und Selbstironie in seinem Werk bis zur entnervenden Peinlichkeit eine zentrale Rolle. Das Politische ist bei van Lieshout stets auch privat, das Private immer politisch.
Seine ganz persönliche Suche nach Identität, seine Verzweiflung, Wut und Verluste finden eine Parallele in der Installation „Happiness“ (2003): Die in eine Sperrholzkonstruktion eingebaute Videoprojektion zeigt den Künstler, der sich in der Nervenheilanstalt Heimerstein aufhält. Er verwickelt dort seinen Bruder Bart in eine lautstarke Diskussion über Normalität, die im Laufe des Gesprächs immer absurder wird und die Frage, wer oder was eigentlich normal ist, auf den Kopf stellt. Die Insassen der Psychiatrie bilden dabei eine Art Chor um die beiden Brüder. Nicht sie werden durch einen Künstler therapiert, wie es in solchen Kliniken oft üblich ist, sondern umgekehrt ist es der Künstler selbst, der von dem Aufenthalt in der Anstalt profitiert.

Eine von van Lieshouts bekanntesten Arbeiten ist das Video „Rotterdam – Rostock“ (2006), das zum ersten Mal auf der 4. Berlin Biennale gezeigt wurde. Der Künstler, der in seinen Videos meist selbst die Hauptrolle spielt, reist per Fahrrad quer durch Deutschland. Im Stil eines Dokumentarfilms, der keinen Halt vor intimen Gefühlen des Hauptakteurs macht, zeigt van Lieshout, wie ihm ältere Bürger offen ihre Sympathie für die Nazis bekunden. Solche düsteren Passagen wechseln sich mit slapstickartigen Szenen aus dem Leben des Künstlers ab, dessen Freundin sich eingangs per Handy von ihm trennt.

Parallel zu seinen Videos produziert van Lieshout Zeichnungen, die das Videomaterial ergänzen. Auch sie zeichnen sich aus durch schnelle Gestik und Rhythmus sowie eine irritierende Mischung von Härte und Leidenschaft, Gewalt und Sexualität, Trash und Traurigkeit. Ob orgiastische Szenen, in denen Frauen und Männer obszöne Gesten und Bewegungen vollführen („Star“, 2005), ein Selbstportrait mit Baseballcap in Rapperpose („Untitled“, 2005) oder die Zeichnung einer lasziven Nackten, versehen mit dem Beisatz „Du bist Deutschland“ („Untitled“, 2005) – van Lieshouts Zeichnungen sind wild und fahrig hingeworfen, ohne jede Hemmung vor Hässlichkeit. Immer wieder spielt er mit gesellschaftlichen Codes, wenn er etwa einem schwarzen Jungen ein Sweatshirt mit aufgedrucktem Bundesadler überzieht („Untitled“, 2005). Auch in seinen collagierten Gemälden kommt van Lieshouts ruppiger, sozial motivierter Gestus zum Ausdruck: In „Men in Shorts“ (2007) sind drei bärtige Männer mit heruntergelassenen Hosen zu sehen. Eingebettet in eine urbane, abseitige Szenerie, in der am Rand ein Sanitäter auftaucht, spricht aus dieser Arbeit das Thema Homosexualität und Gewalt in einer entfremdeten, lebensfeindlichen Umgebung.

Wenn van Lieshout den Blick auf Gruppen jenseits der Globalisierungsgewinner richtet, tut er dies nicht mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger. Er versucht, die Existenz, Symbole und Identitäten solcher Gruppen zu ergründen, um sich selbst zu erkennen.