Susan Turcot

 
 

geboren 1966 in Montréal, Kanada
lebt und arbeitet in London

Susan Turcots Zeichnungen sind zärtlich und voller Wut zugleich. Sie zeigen den Menschen in einer ihn entfremdenden Zivilisation und die Natur in einer sie zerstörenden Umwelt – die Verletzung des Daseins ist das Thema der kanadischen Künstlerin.

Ein durch Unfall oder Explosion demolierter PKW steht inmitten eines Wirbelsturms aus Bleistiftstrichen. Eine helle, geisterhafte Figur schwebt daneben, zum Einsteigen bereit, obwohl der Wagen nie mehr fahren wird. Ein Mann hockt vor einem herab gestürzten Bücherberg in einer Bibliothek, seine Augen sind wie bei vielen von Turcots Figuren durch wild gezogene Kreise verdeckt. Im Vordergrund wieder ein abstrakter Linienwirbel, als hätte die Künstlerin nach dem halbfertigen Bild die Geduld verloren. Ähnliche Wirbel finden sich auch neben dem Berg aus Menschen in Schutzanzügen, die keiner nachvollziehbaren Tätigkeit nachgehen. Es scheint, als würden sie geschäftig nach etwas suchen oder graben, vielleicht nach Überlebenden nach einer Katastrophe. Und schließlich die filigranen Tannenbilder: Auch hier ziehen sich nervöse Linien über das Blatt, diesmal dünn und vereinzelt statt dicht gedrängt.

Auf allen Zeichnungen spürt man, mit welchem Überlebenswillen Susan Turcot versucht, die Welt zu verstehen, Verfall und Krieg aus Medienbildern in eine eigene Handschrift zu übertragen, wie um sich zu beruhigen – und dabei immer wieder scheitert. Die Linien wirken wie Signaturen dieses Scheiterns. Alle Angst und Wut zeigt sich in dieser harschen Gestik, die als Verneinung, als Wille zum Wegstreichen gemeint ist. Die Schraffierung der Augen als Symbol der Seele und Identität des Menschen scheint dabei symptomatisch für unsere Zeit: Anonymisierte Gestalten sind in ein kaltes, fremdes Leben geworfen, das sie überfordert und allein lässt. Dass diesem kalten Leben aber noch immer Chaos innewohnt, dass dort etwas Unwägbares schwelt, das irgendwann hervorbrechen wird – dieses Gefühl dringt durch die verzweifelten, schnell gesetzten Linien ebenfalls hindurch: Das Ende der Welt scheint nah, doch es trägt den Neubeginn schon in sich.