Theo Altenberg

 
 

geboren 1952 in Mönchengladbach
lebt und arbeitet in Berlin

Die Kommune des Wiener Aktionisten Otto Muehl ist Legende. Nicht nur, weil sie grandios scheiterte und Muehl nach 21 Jahren Kommunenführung wegen Missbrauchs Minderjähriger ins Gefängnis kam. Sondern weil ihre Utopien hemmungslos ausgelebt wurden: Zeitweise 600 Mitglieder feierten die Befreiung durch Kollektiveigentum, freie Liebe und Performance-Therapien. Theo Altenberg – Künstler, Muehl-Vertrauter und ehemaliger Kommunarde – dokumentierte diesen Versuch, den Kunstbegriff und die Gesellschaft radikal umzuwälzen. Seine Fotografien zeigen Menschen, die sich in der Kommune von „Ego-Maschinen“ in „Mit-Menschen“ verwandelt hatten.

Die Muehl-Kommune wurde 1970 in der Wiener Praterstraße gegründet. Damals zählte sie 15 Mitglieder, die sich ihre Haare abgeschnitten hatten – da lange Haare inzwischen gesellschaftsfähig geworden waren, hielt man sie für korrumpiert. Die Frauen schliefen in Doppelbetten und wählten sich ihre Bettnachbarn selbst. 1973 zog die Kommune auf den Friedrichshof, Zweierbeziehungen wurde aufgelöst, die Eifersucht überwunden. Auch die Kinder „gehörten“ niemandem mehr. Die sexuelle Energie wurde in schöpferischen Prozessen in Kunst umgewandelt – es entstanden Filme, Manifeste und Theaterstücke. Das Leben sollte in Kunst überführt werden und umgekehrt.

Grundlage für die freie Sexualität war Wilhelm Reichs Theorie der „Entpanzerung“, die behauptet, dass man als Kind psychische Schädigungen erfährt, durch die man einen Panzer um sich herum baut. Durch bestimmte Körperübungen sollte dieser Panzer aufgelöst und die Lebensenergie freigesetzt werden. Die Muehl-Kommune entwickelte diese Idee weiter zur „Aktionsanalyse“ und später zur „Selbstdarstellung“ – eine Mischung aus Reichs Körperanalyse, Tanz und Performance wie im Wiener Aktionismus. 80 bis 100 Kommunarden setzten sich im Kreis, ein einzelner ging in die Mitte und stellte sich den anderen – er sollte jedoch kein Theaterstück abliefern, Authentizität war wesentlich, um die anderen emotional zu ergreifen oder eine beängstigende Beklemmung hervorzurufen. Die Übungen begannen meist mit Schreien, Wut und Aggressionen, was oft überging in spontane Gefühlsausbrüche, bei denen es passieren konnte, dass die eigene Geburt nacherlebt wurde. Auch die Einnahme von Drogen spielte bei solchen Experimenten oft eine Rolle. Obwohl Sex für sie elementar war, verhielten sich die Kommunarden oft kindlich. Nach Wilhelm Reich basieren autoritäre Strukturen darauf, dass im Kind die Sexualität gebrochen wird, da es seinem Geschlechtstrieb nicht folgen darf. So trugen manche Kommunarden zeitweise Schnuller, um auszudrücken, dass sie ihre Kindheit nicht verdrängten und lehnten es ab, erwachsen zu werden. Erst Sex, so hieß es, machte den Menschen selbstbewusst und frei. Gleichzeitig zeigte sich in der Kommune, wer beim Sex besonders beliebt war, so dass Hierarchien offen gelegt wurden. Später entstanden dadurch Konflikte, da sich manche Kommunarden zum Sex verpflichtet fühlten.

In den 80-er Jahren wurde die Kommune ökonomisch erfolgreich: Es gab Außenstellen in München und Zürich, dort wurden Firmen für Börsenoptionen, Versicherungen und Immobiliengeschäfte aufgebaut. 1988 lagerten Summen in Millionenhöhe auf den Konten der Kommune. Nachdem sie Ende der 70er-Jahre mit Alternativökonomie nicht mehr genug Einnahmen erzielt hatte und vor dem Bankrott stand, beschlossen die Abgeordneten der insgesamt über 30 Gruppen auf einem Kongress eine neue Strategie, vom Kapitalismus zu profitieren – und zwar durch die Gründung eigener Firmen. Man ließ sich wieder die Haare wachsen, und die Business-Leute trugen draußen Anzug und Krawatte, auch wenn intern alles kommunistisch blieb.

Mit dem Anwachsen der Mitgliederzahl wuchsen auch die Hierarchien in der Kommune. Anfang der 80-er Jahre gab es in ganz Europa über 600 Mitglieder, da die Kommunarden das Projekt überall durch Vorträge bekannt machten. Daher mussten Verantwortungsstrukturen geschaffen werden, woraus die absurde Idee einer „Bewusstseinshierachie“ entstand, die in den letzten Jahren alle Lebensbereiche durchzog. Zudem gab es einen Zwölferrat, der gewählt werden musste, und dem Muehl als Anführer vorstand. 1990 wurde Muehl schließlich abgewählt, ein Jahr später löste sich die Kommune auf und Muehl wurde wegen „Verführung Minderjähriger“, „strafbarer Handlungen gegen die Sittlichkeit“ sowie „Verstoß gegen das Suchtgesetz“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. 1997 wurde er entlassen. Muehl leidet heute an Parkinson und lebt in Portugal.